NABU-Thema des Monats

- jeden Monat neu -
Einmal monatlich veröffentlicht der NABU Rhein-Lahn einen selbstverfassten Beitrag zu Themen des Umwelt- und Naturschutzes in den Verbandsgemeindeblättern von Diez, Bad Ems, Nassau, Katzenelnbogen und Hahnstätten. An dieser Stelle finden Sie den jeweils jüngsten Text.

 

November 2017:  Jagd und Naturschutz

Seit seiner Entstehung war der Mensch Jäger und Sammler; die Jagdpassion steckt in unseren Genen. Die meisten befriedigen sie mit Schnäppchen beim Shopping, aber viele immer noch traditionell mit der blutigen Jagd auf Reh, Hirsch, Wildschwein. Das mutet in unserer modernen Welt anachronistisch an und stößt auf Ablehnung, gerade bei Tier- und Naturfreunden. Dagegen betonen die Jagdverbände, staatlich anerkannte Naturschutzverbände zu sein. Wie stehen also heute Jagd und Naturschutz zueinander?

Zunächst: „Die“ Jagd gibt es nicht. Es gibt Jagdpächter, die sich ein teures Hobby leisten können und – oft weit vom Wohnort entfernt – ein Revier unterhalten, in dem sie bei ihren gelegentlichen Besuchen vorwiegend Spaß haben wollen. Persönlicher Einsatz und Hege spielen dabei eine untergeordnete Rolle, zentral sind Erlebnis und angemessene Beute. Dagegen begreifen andere Jäger ihr Revier als Ökosystem, das sie gemäß den Grundsätzen des Naturschutzes verantwortungsvoll pflegen und in dem sie jene Rolle des Top-Karnivoren, des größten Fleischfressers einnehmen, die Bär, Wolf, Luchs hinterlassen haben.

Es kommt also auf die Gestaltung der Jagd an! Daher, auch wenn das empfindsame Tierschützer nicht gerne hören: Die großen Naturschutzverbände wie NABU und BUND betrachten eine naturverträgliche Jagd als völlig legitime Landnutzung. Naturverträglich ist erstens eine nachhaltige Jagd, die der Natur generell nicht mehr Tiere entnimmt, als durch natürliche Vermehrung nachwachsen. Zweitens soll der Nachwuchs auf den natürlichen Grundlagen des Ökosystems basieren und nicht z.B. auf Besatz und Fütterung. Drittens soll der Wildbestand standortgerecht sein, das heißt nach Art und Menge zum lokalen Ökosystem passen. Fremde Arten und überhöhte Populationen, die die heimischen Lebensräume schädigen, sind damit unvereinbar. Viertens sollen die Wildbestände nach Gesundheit und Altersaufbau reguliert werden und nicht zugunsten imposanter Individuen und Trophäen. Fünftens soll die Jagdbeute sinnvoll verwertet werden: Wildbret als Nahrung, Pelze als Kleidung. Sechstens gilt zwar generell die bekannte Waidgerechtigkeit, aber bei ökologischen Problemen wie dauerhaften Überbeständen sollten auch traditionell abgelehnte Jagdmethoden angewendet werden, sofern sie effektiver sind. Siebtens soll in Schutzgebieten die Jagd als sogenanntes „Wildtiermanagement“ eine dienende Funktion für den Naturschutz einnehmen. So ist zum Beispiel die konsequente Bejagung von Fuchs, Waschbär, Marderhund, Mink und Dachs nach ökologischen Vorgaben mitunter essentiell für das Überleben der Feldhasen und von bedrohten Bodenbrütern wie Wachtel, Rebhuhn, Kiebitz.

Glücklicherweise ziehen gerade in unserer Region Jagd und Naturschutz regelmäßig an einem Strang. Viele naturbewusste Hegeringe und auch Angelvereine pflegen ihre Reviere aufwendig und teuer im Sinne ökologischer Aufwertung: Sie legen Hecken und Vorholzzonen an, unterhalten und renaturieren Naturgewässer, sie beobachten, dokumentieren und unterstützen seltene Tier- und Pflanzenarten. Dazu engagieren sie sich tatkräftig und finanziell in Naturschutzvereinen, betreiben für die Öffentlichkeit Natur- und Umweltbildung und teilen ihre Informationen. Unstreitig gibt es auch andere Jäger, die, in Riten und Traditionen erstarrt, ihre museales Jagdverständnis unbeeindruckt von Naturschutzbelangen und moderner Naturforschung ausleben und alle Nichtjäger wie Naturschützer, Spaziergänger, Sportler, Landwirte als Gegner wahrnehmen. Aber die Mehrheit der Jägerschaft vertritt eine naturverträgliche Jagd im Sinne obiger Definition. Seit dreißig Jahren existiert mit dem Ökologischen Jagdverband Deutschland sogar eine jagdliche Vereinigung, die sich explizit der Versöhnung von Jagd und Naturschutz verschrieben hat. Und längst hat auch der Deutsche Jagdverband als größter Zusammenschluss deutscher Jägerinnen und Jäger den Naturschutz zum zentralen Handlungselement erhoben. Gleichwohl verlangt eine naturverträgliche Jagd vom Jagdberechtigten mitunter mühsame Hege bei gleichzeitigem Nutzungsverzicht und bleibt damit potentiell konfliktträchtig. Austausch, Verständnis und Kooperation aller Naturschutzinteressierten müssen daher ebenfalls gehegt und gepflegt werden.

 

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